WIE VIEL KLEIDUNG BRAUCHEN WIR EIGENTLICH?

Ja, diese Frage stelle ich mir ganz schön oft. Einerseits vielleicht weil ich als Bloggerin berufsbedingt im Überfluss lebe andererseits weil ich wie die meisten Frauen jeden Tag vor einem vollen Kleiderschrank stehe und mir denke: “Verdammt ich hab’ nix anzuziehen!”.
Die Zeiten wo ich zu Zara gehe und mir alle zwei Wochen 3 neue Teile kaufe sind lang vorbei, trotzdem häufe ich monatlich (dafür dass ich nachhaltig und vegan einkaufe) trotzdem relativ viel Kleidung an. Und auch wenn meine Kleidung a) fair b) ressourcenschonend und c) vegan hergstellt wurde: am Ende landet jedes Kleidungsstück egal ob H&M, Zara, Primark, Armed Angels oder Matt & Nat am Müll. Oft in Ländern wie Haiti auf riesigen Mülldeponien. Dass dieser Verwertungsprozess bedeutet dass die Chemiefaser der Kleidung in den Naturkreislauf eindringt und was dann passiert wissen wir inzwischen alle ziemlich gut.

Kleidung spenden? Ist das nicht nachhaltig?

Jein. Wer von uns weiß denn genau was mit der Kleidung passiert, die wir in den Container werfen? Also ich weiß es nicht genau. Ich weiß dass ich etwas “Gutes” tue wenn ich Kleidung spende – aber ist das wirklich so? Nach dem Motto “aus dem Augen aus dem Sinn” werfen wir jährlich tonnenweise alte Kleidung in die Spendentonnen um unser Gewissen zu erleichtern.

Ich selbst spende viel an die Gruft in Wien. Als ich anrufe und mich erkundige was mit Kleidung passiert die nicht verwendet wird, erfahre ich dass überschüssige Kleidung an die Carla, ebenfalls Teil der Caritas, weitergeleitet wird. Dort wird die Kleidung verkauft und der Erlös macht das Gehalt der Langzeitarbeitslosen aus die dort beschäftigt sind. Also rufe ich bei Carla an und frage was eigentlich mit nicht verwertbaren Textilien passiert. Dort wird mir versichert dass jede Spende genau durchgeschaut und oftmals Teile abgelehnt werden, da die Textilentsorgung für die Organisation mit Mehrkosten verbunden ist. Also geht die Schnitzeljagd weiter und ich rufe bei der MA48, dem Magistrat für Stadtreinigung in Wien, an.  Dort wird mir erklärt dass die MA48 einen Flohmarkt veranstaltet wo viel Kleidung verkauft wird. “Ich möchte aber bitte gerne wissen was mit den entsorgten Kleidungsstücken passiert” hake ich nochmal nach. Mir wird versichert dass diese Kleidung mit dem Restmüll verwertet sprich verbrannt wird. Wie viel Prozent der jährlich gespendeten Textilien am Ende verbrannt werden kann man mir nicht sagen.

Man geht momentan davon aus dass in Europa nur 25% des Textilmülls tatsächlich recycelt wird. Was mit dem Rest passiert? Das weiß man nicht so genau. In Österreich fallen geschätzt 80.000 Tonnen Altkleider jährlich an*, genaue Zahlen sind dazu aber nicht zu finden. In den USA sind es 10% aller gespendeten Kleidungsstücke die tatsächlich in Second Hand Läden verkauft werden.**

Viele Kleiderspenden werden jedoch an Privatfirmen verkauft. Das deutsche rote Kreuz zum Beispiel ließ Kleidung von einem Drittanbieter abholen, der keine NGO ist und die Kleidung zum Kilopreis nach Osteuropa oder Afrika verkauft. In Tansania verschwand vor 20 Jahren die Textilindustrie, weil immer mehr “Spendenkleidung” aus Nordamerika und Europa eintrudelte und diese für die Zwischenhändler zum lukrativen Geschäft geworden sind. Am Beispiel Rotes Kreuz: das Rote Kreuz verkauft das KG Kleidung für 5 Cent an einen Subunternehmer, welcher das Kilo dann um 1,20 Euro weiter verkauft. Für die Textilindustrie am Beispiel Tansania bedeutet das dass die lokalen Textilarbeiter ihre Jobs verloren und Zwischenhändler aus dem Ausland dazu verdienten. Somit bedeutet die eigentlich gut gemeinte Kleiderspende die Verarmung einer großen Bevölkerungsschicht.***

Aber zurück zum eigentlichen Thema: Wie viel Kleidung brauchen wir eigentlich? Das soll jetzt keine Existenzfrage sein, es geht hier nicht darum wie viel Kleidung wir zum Überleben brauchen, aber wie viel Kleidung ein im “Luxus” lebender Mensch wie ich (also ein Mensch der in einer Industrienation mit hohem Lebensstandard lebt) braucht um zufrieden zu sein.

Die meisten von uns könnten mit wesentlich weniger immer noch 365 verschiedene Kombis zusammenstellen und trotzdem stehen viele von uns täglich vor dem Kleiderschrank mit einem Fragezeichen über dem Kopf. Wenn wir für den Urlaub packen, Abends feiern gehen, morgens ins Büro: wir sind überfordert. Gerade weil wir so volle Kleiderschänke besitzen sind wir überfordert. Aber wie viel wäre richtig? Ich hab mich durch verschiedene Beiträge gelesen: manche sagen man braucht nur ein Kleid, andere sagen fünf. Brauchen wir dreißig Handtaschen oder doch nur eine? Diese Frage geht mir immer wieder durch den Kopf und als ich ein bisschen zu viel darüber nachdachte am vergangenen Samstag beschloss ich folgendes: ich packe 2/3 meiner Kleidung weg. Ein Drittel davon werde ich in meinem Shop verkaufen (wo zukünftig 50% des Erlöses gespendet wird) und ein Drittel bewahre ich auf weil ich mich a) nicht trennen kann oder b) es einwintere. Mein “neuer” Kleiderschrank sieht ziemlich karg aus, mein Freund dachte kurzzeitig ich verlasse ihn, so leergeräumt wie alles aussah.

Mein Kleiderschrank sieht jetzt wie folgt aus: 7 Kleider, 3 Cardigans, 10 Pullis, 23 Blusen/Oberteile, 5 Röcke, 3 Shorts, 8 Hosen, 30 T-Shirts (Kurz- und Langarm), 6 Taschen (für manch einen von euch mag das immer noch sehr viel sein). Schuhe ziehe ich momentan eigentlich nur 2 Paar abwechselnd an, für Outfit Fotos oder Events auch mal Heels – davon habe ich aber nur 3 Paar behalten. Für den Winter sind es dann ebenfalls 3 Paar. Der Schrank auf dem Foto oben ist wesentlich “leichter” geworden. Abseits der halbleeren Hängestangen benutze ich nur noch drei große und zwei kleine Laden: eine für Unterwäsche/Sportzeug, eine für Pullis, eine für T-Shirts und eine für Schuhe. Die anderen gehören meinem Freund bzw. bewahren wir darin Bettzeug auf.

Wie es sich anfühlt? Verdammt gut! Ich muss nicht viel überlegen, bin schnell angezogen. Meine Ausmistaktion soll aber nicht bedeuten dass jetzt “Platz für Neues” ist (was Ausmisten für viele meistens bedeutet). Es soll klar machen, dass wir vieles schon besitzen und gar nichts neues brauchen. Dass wir auch mit weniger Teilen viele Kombis kreieren können (wie zB. bei der 5-Piece French Wardrobe) und dass es am Ende des Tages nicht nur wichtig ist nachhaltig sondern einfach WENIGER zu konsumieren.


* Quelle: Konsument
** Quelle: The True Cost Movie
*** Quelle: ARD Doku “Die Altkleider Lüge”

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